Karneval von Ivrea mit Orangen

Was haben Orangen mit Karneval zu tun?

Ah, Karneval! Die fünfte Jahreszeit und nicht nur für jeden Rheinländer der Höhepunkt des Jahres. Bunte Kostüme, grenzwertige (in jeglicher Hinsicht) Musik, die zu jeder anderen Zeit des Jahres definitiv nicht angebracht wäre und lustige Wagen, die komplette Innenstädte lahmlegen – so feiert man Karneval in den meisten deutschen Städten. Aber wir wollen hier nicht über Deutschland reden, denn das hier ist schließlich OH MY ITALY!, am I right?
Wie in jedem guten, christlichen Land, feiert man auch in Italien Karneval, nur anders als in Deutschland. Den meisten fällt vermutlich als erstes der Karneval von Venedig ein. Völlig zurecht. Diese Masken sind schon echt fesch, wenn ihr mich fragt. Aber in einer kleinen Stadt, im Piemont, kurz vor den Toren Turins, feiert man noch einen viel verrückteren Karneval als in Venedig. Die schön verzierten Masken aus Venedig können, wenn ihr bis zum Ende lest, direkt einpacken. Eine kleine Warnung vorab: es geht um Orangen, viele Orangen.

Bild von Ann-Christin Dimon

Ein Artikel von Ann-Christin

Wenn Werkstudentin Ann-Christin nicht grade über Gott und die Welt schwadroniert, berichtet sie am liebsten über ihre persönlichen Erlebnisse auf der italienischen Halbinsel. Ihr Schreibstil: Dadaistischer Nonsens gepaart mit einer großen Portion Amore.

Die Geschichte des Karnevals in Ivrea

Jede Tradition, die was auf sich hält, hat natürlich auch seinen Ursprung und seine dazugehörige Geschichte. Das ist in Deutschland so. Und auch in Ivrea.
Der Karneval von Ivrea ist der älteste historische Karneval in Italien, denn seine Wurzeln liegen im dunklen Mittelalter, in einer Zeit, in der es wenig zu feiern gab. Und wie wenig es zu feiern gab, beweist der eporiedesische (so nennt man alles, was aus Ivrea kommt, inklusive der Einwohner) Karneval vermutlich am besten. Denn der Karneval in Ivrea entstand aus einem Aufstand gegen den Tyrannen Marchese di Monferrato, der die Stadt belagerte und so die Bewohner aushungerte. Um den erfolgreichen Aufstand gegen den Marchesen gebührend zu zelebrieren veranstalteten die Bewohner ein riesiges Fest, welches eben heute als Karneval gefeiert wird.


Legenden rundum den Karneval: wer ist Violetta?

Natürlich haben die Eporiedesi nicht einfach dagestanden und gewartet bis Monferrato sie endlich in Ruhe lässt. Nein, eine tapfere Müllerstochter, mit dem wohlklingenden Namen „Violetta“, brachte ihn eigenhändig, mit ihrem eigenen Schwert um und löste den Aufstand aus, der heute noch an Karneval gefeiert wird. Krasse Frau!
Auch heute ist die „Mugnaia“ (dt. Müllerstochter) eine der wichtigsten Personen des Karnevals in Ivrea. Sie tauchte das erste Mal 1858 bei den Feierlichkeiten als feste Besetzung auf und ist seitdem nicht mehr wegzudenken. Die Mugnaia symbolisiert, durch die Legende um Violetta, die Freiheit und die Entstehung des Karnevals.


Vom General bis zum Kanzler – andere Persönlichkeiten des Karnevals

Neben der Mugnaia gibt es noch weitere Persönlichkeiten, die eine zentrale Rolle im Karneval von Ivrea einnehmen. Da gibt es zum Beispiel:

  • Den „General“, der eine kleine Armee anführt. Seine Rolle stammt noch aus der Zeit Napoleons. Davor feierte jedes Stadtviertel den Karneval für sich allein. Mit Napoleon ändert sich dies jedoch. Da sich die Besatzer Sorgen um die öffentliche Sicherheit machten, legten sie den Karneval zu einem großem Fest zusammen und ernannten eine vertrauenswürdige Person, um das Spektakel zu überwachen: Den General. Heutzutage eröffnet er den Karneval.
  • Die Aufgabe des „Gran Cancelliere“, oder Kanzlers, und seines Assistenten ist es, die Wächter der Tradition des Karnevals zu sein. Diese zwei Persönlichkeiten basieren auf historischen Begebenheiten, denn früher war der Kanzler und sein Assistent dafür zuständig zu dokumentieren, welche Zeremonien an Karneval stattfanden.
  • Die „Abbà“ repräsentieren die fünf ehemaligen Distrikte der Stadt Ivrea und werden von zehn Kindern dargestellt, zwei pro Distrikt. 
  • Der „Podestà“ stellt die Macht der Bürger dar, da er der Präsident der eporiedesischen Regierung war. Begleitet wird er von Flötenspielern und Trommlern.

Wie feiern die Eporiedesi ihren Karneval?

Der Karneval in Ivrea ist, wie in Deutschland, eine eigene kleine Jahreszeit. Sie beginnt jedes Jahr am 06. Januar und endet am Aschermittwoch. Das kann also, je nach Jahr ein Monat sein oder auch mehr als zwei. Je nachdem wie die Kirche grade „lustig ist“.
Was macht man zwei Monate lang? Irgendwann hat es sich doch bestimmt ausgefeiert? Ich verrate es euch:
Der Karneval von Ivrea besteht aus verschiedenen Zeremonien, die am Sonntag vor Rosenmontag in einer riesigen Parade durch die Stadt enden. Die einzelnen Zeremonien werden von den verschiedenen Persönlichkeiten angeführt. Aber fangen wir am besten von vorne an:

  • Am 06. Januar beginnt der Karneval damit, dass der General eine Proklamation verkündet, dass jetzt, genau jetzt, der Karneval beginnt. An den darauffolgenden Sonntagen spielen vor allem die Abbà die Hauptrolle. Sie hissen die Flaggen der einzelnen Distrikte und repräsentieren diese in kleinen Zeremonien.
  • Am Donnerstag vor Aschermittwoch geht es richtig los. Dann nimmt die traditionelle Party an Fahrt auf. An Weiberfastnacht übergibt der Bürgermeister dem General die Macht über die Stadt, der von da an das Fest leitet.
  • Der Samstag vor Aschermittwoch ist für viele ein Höhepunkt. An dem Tag wird alljährlich der Name der Mugnaia bekannt gegeben. Daraufhin folgt eine erste Parade zur Piazza di città, dem Hauptplatz Ivreas.
  • Sonntags vor Aschermittwoch ist der Podestà die Hauptfigur. Er vollzieht den „Preda in Dora“. Der Podestà wirft dabei einen Stein in den Fluss „Dora baltea“. Hört sich erstmal unspektakulär an, hat aber eine tiefe Bedeutung: Der Steinwurf symbolisiert die Zerstörung des Schlosses des Marchesen di Monferrato durch die Aufständigen.
  • Nachmittags findet dann die große Parade statt, die von der Müllerstochter angeführt wird, die zwischen den Flötenspielern und Trommlern auf einer Kutsche durch die Stadt gezogen wird. Auf der Piazza di città trifft die Parade dann auf eine Truppe, die „Aranceri“ genannt wird. Was mich zu der Sache mit den Orangen bringt: in Ivrea bewirft man sich an Karneval mit Orangen. Wie das vonstatten geht und warum man sich freiwillig mit Orangen bewirft, erkläre ich euch im nächsten Abschnitt.


Die Orangenschlacht

Der absolute Höhepunkt des Karnevals von Ivrea ist vermutlich die Orangenschlacht, die Battaglia delle arance“, die ganze drei Tage dauert. Dagegen kann die Tomatenschlacht im spanischen Pamplona einpacken. In Ivrea werden bis zu 11.000 kg Orangen verbraucht – unglaublich. Riecht bestimmt fantastisch, aber jeder andere Mensch denkt wahrscheinlich erstmal: „Okay, warum?“
Aber es gibt für alles seine Gründe, auch für eine Orangenschlacht. Sie steht im Zeichen des Aufstandes gegen unseren Lieblingsbösewicht Monferrato. Der Guteste ist zwar schon ein paar Jahre unter der Erde, aber man kann ihm trotzdem nachträglich nochmal zeigen, dass man ihn so gar nicht leiden kann.
Bei der „Battaglia delle arance“ gibt es heutzutage neun Teams, die zu Fuß unterwegs durch die Stadt sind und die Aufständischen repräsentieren. Da die Orangenschlacht in verschiedenen Teilen der Stadt stattfindet, hat auch jedes Team seinen eigenen Stadtteil in dem es „kämpft“. Die „Aranceri“ warten auf die Teams und sobald diese eintreffen geht es auch schon los. Jeder kann bei der Schlacht mitmachen, aber wenn ihr das tut, solltet ihr aufpassen. Es gibt jedes Jahr mehrere Verletzte. Also nichts für Zimperliche.

Karnevalfood in Ivrea

Auch beim Karneval von Ivrea kommt das Essen nicht zu kurz. Was in Deutschland Krapfen, Berliner oder Pfannkuchen sind, sind in Ivrea Bohnen. Ganz viele Bohnen. Vor dem Karnevalswochenende und an dem Wochenende selbst, finden sonntags die sogenannten „Fagiolate“ statt, die, wer hätte es gedacht, auf eine mittelalterliche Tradition zurückgehen. Die „Fagiolate“ kann man sich als gemeinsames Bohnenessen auf den innerstädtischen Plätzen vorstellen. Das Bohnengericht, das serviert wird, heißt: „Faseuj grass“, oder wörtlich übersetzt „fette Bohnen“ und an Fett wird hier definitiv nicht gespart. „Faseuj grass“ wird aus, Überraschung, Bohnen, Schweineschwarte, Cotechino (italienische Rohwurst aus Schweinefleisch), Schweinehaxe, Schweineknochen, Schmalz und Zwiebeln zubereitet. Ihr seht also schon: Fett mit Fett und ein bisschen Fett für den Geschmack.
Um die Fastenzeit, und damit auch das Ende des Karnevals von Ivrea, einzuläuten (und sich vom ganzen Fett zu erholen), gibt es jedes Jahr traditionell Polenta mit Kabeljau´ am Aschermittwoch. So kann man sich auf jeden Fall gebührend vom Karneval erholen und sich auf die 40 Tage Entbehrung vorbereiten.